Geschichtsverein Nörten-Hardenberg
Geschichtsverein Nörten-Hardenberg
Nörten gehört unstreitig zu den ältesten Siedlungen im Leinetale. Zuerst wird es zwischen 826 und 853 in Urkunden des Klosters Corvey genannt. Der Name wird in älteren Urkunden verschieden geschrieben: Nortun, Nortgu, Northu, Northum, auch Nordgut oder Northagen. Alle diese Bezeichnungen weisen darauf hin, dass dieses Gut an der Grenze eines damaligen Gebietes lag und dass diese Grenze durch einen Zaun bezeichnet wurde. Dieser Zaun schloss nach Norden hin die Siedlung ab. Der älteste Teil des Fleckens ist in der Nähe der katholischen Kirche zu finden, in den Gegenden, die jetzt noch „Hagen“ und „ Altes Dorf“ heißen. Wann diese Siedlungen errichtet wurden, lässt sich nicht mehr bestimmen. Da hierüber keinerlei Urkunden vorhanden sind, wir nehmen an, dass es um das Jahr 400 unserer Zeitrechnung geschah.

 

Das die Siedlung schon in Sächsischer Zeit, also um das Jahr 700 vorhanden war, ist sicher anzunehmen, da die Karolinger in der Leinegegend Besitzungen hatten, die sie den besiegten Sachsen abgenommen hatten. Karl der Große, der um das Jahr 800 lebte, bestimmte, dass der Kirche der Zehnte von allen Gütern gegeben werde. So bekamen die Erzbischöfe von Mainz als geistliche Oberaufseher Rechte in unserer Gegend. Dann kamen die Sächsischen Kaiser von 918 bis 1024. Diese hatten viele Eigengüter hier. Der Bruder des zweiten Sächsischen Kaisers wurde Erzbischof von Mainz, weshalb Kaiser Otto dem Mainzer Erzbistume viele seiner Eigentümer schenkte. Erzbischof Willigis, der aus Schöningen im Braunschweigischen stammen soll und um das Jahr 1000 lebte, besaß in Nörten einen Hof mit mehreren dazu gehörigen Gütern. Damals war Nörten schon ein Marktflecken und zum Schutze gegen feindliche Einfälle mit einem Walle umgeben.

 

Im Jahr 1055 gründete der Erzbischof Lupold von Mainz das Petersstift in Nörten, ein Kollegiat oder Chorherrenstift, wie gegenwärtig in Preußen nur noch am Aachener Münster eins besteht. Das Stift war mit 12 Kanonikern oder Stiftsherren, Weltgeistlichen, besetzt, die in einem großen Gebäude (Münster) ein gemeinschaftliches, klosterähnliches Leben führten. Sie wurden Kanoniker genannt, weil sie nach dem Kanon, d. h. der Regel des Bischofs Chrodegang von Metz (verstorben 766), lebten.


 

Stiftsplatz mit der neuen katholischen Kirche Stiftsplatz mit der neuen katholischen Kirche

 

In der Stiftungsurkunde, die noch in einigen beglaubigten Abschriften vorhanden ist, wird die dem heiligen Martin geweihte Pfarrkirche genannt, woraus man den Schluss zieht, dass Bonifatius oder einer seiner Schüler sie gegründet, also das Christentum hier eingeführt habe. Bonifatius wählte mit Vorliebe den fränkischen Nationalheiligen Martin als Patron seiner Gründungen. Zu der Pfarrkirche gehörten Bishausen, Lütgenrode, Elvese und Angerstein als Filialen. Letztere wurde 1150 abgetrennt und dem Benediktinerkloster Stenne, jetzt Marienstein, angeschlossen. Die Pfarrkirche war also schon lange vor der Gründung des Stiftes da und könnte wohl um 750 erbaut sein.

 

Die Pfarrkirche wurde den Stiftsherren zur Abhaltung ihrer Gottesdienste überwiesen, so war sie Stifts- und Pfarrkirche zugleich. 1259 wurden Kirche und Pfarre mit allen Rechten dem Stifte einverleibt. 1303 verbietet Erzbischof Gerhard II. unter Strafe der Erkommunikation den Nörtener Bürgern, sich in die Vermögensverwaltung der Kirche zu mischen.

 

Das Peterstift wurde gegründet, um aus Söhnen unserer Gegend junge Geistliche herauszuziehen. Deshalb war mit dem Stifte eine Schule verbunden. Die Schüler wohnten im Stifte und hießen dann Domizellaren, oder im Flecken und besuchten nur die Schule. Der Lehrer wurde Scholaster oder Scholastikus genannt. Er war ein gelehrter Mann und musste auch alle schriftlichen Arbeiten, besonders in Rechtssachen, für das Stift besorgen. Als später auch eine Kinderschule im Stifte errichtet wurde, hielt der Scholaster sich dafür einen besonderen Kindermester.

 

Der Stifter hatte seinen Petersstift reich dotiert mit Ländereien, Wald, Gärten, einer Mühle (die Papenmühle), mit dem Fischereirechte, den teilweisen Aufkünften Nörtener Jahrmarktes und besonders mit dem weit ausgedehnten Zehntrechte. In der Stiftungsurkunde werden 27 nahe und weiter entfernte Dörfer aufgezählt, deren Zehnte das Stift bezog.

 

Von großer Bedeutung für das Stift und den Flecken war es, das Nörten der Sitz eines Archidiakons wurde, welche Würde regelmäßig mit dem Amte des Stiftspropstes verbunden war. Archidiakon war Aufseher über einen bestimmten Kirchensprengel, der nach dem Aufseher Archidiakonat genannt wurde. Bei den großen Machtbefugnissen, die den Archidiakonen von den Erzbischöfen übertragen waren und die sie später eigenmächtig erweiterten, hatte Nörten das ganze Mittelalter hindurch eine große Bedeutung für die Gegend, die man heute mit Südhannover bezeichnet.

 

Zum Schutze seiner Besitzungen in hiesiger Gegend legte der Erzbischof auf dem Hardenberg ein festes, aus Stein erbautes Haus an. Dieses Haus wird in der Geschichte das Mainzer Haus genannt. Es war mit einer Anzahl Burgenmännern zur Verteidigung belegt, die einem Burggrafen unterstellt waren. 1098 flüchtete der Erzbischof Ruthard von Mainz nach diesem festen Hause, als er von dem Kaiser Heinrich IV. verfolgt wurde. Ruthard soll sich 9 Jahre hier aufgehalten haben.

 

Das Kloster Marienstein war eine zeitlang mit dem Peterstifte vereinigt. Die vielseitigen Auswirkungen dieser Anstalten und der mächtige Schutz, den sie boten, veranlasste manche Umwohner, ihre allein stehenden Behausungen zu verlassen und sich hier anzubauen. So dehnte sich Nörten immer weiter nach Süden aus. Dazu kam die günstige Lage des Ortes am Kreuzungspunkte zweier alter Verkehrswege. Die Erzbischöfe taten deshalb alles, was in ihrer Macht stand, de Ort wirtschaftlich zu heben, um wieder Abgaben von ihm erheben zu können. So nahm Nörten z. B. das Zollrecht von durchgehenden Waren für sich in Anspruch und hatte auch eigene Gerichtsbarkeit. Kaiser Karl IV verlieh ihm im Jahre 1365 sogar Stadtrecht. In einem Schreiben aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wird Nörten noch Stadt genannt.

 

Der Marktplatz war in der Gegend, wo jetzt der Ratskeller ist und heute noch Markt gehalten wird. Der Platz, der heute noch Karolina heißt, bezeichnet den Ort, wo einst nach der Karolina, d. i. dem Gesetzbuche Kaiser Karls V., um das Jahr 1500 gerichtet wurde. In ältester Zeit wurde das Gericht im Freien unter einer Linde gehalten, später, und zwar bis 1850, im Spielhaus, d. i. dem jetzigen Ratskeller. Was zum Stifte in Beziehung stand, gehörte zur geistlichen Gerichtsbarkeit. Das weltliche Gericht stand unter Hardenbergscher Oberaufsicht. Über diesem stand der Vizedom auf dem Schloss Rusteberg bei Göttingen.

 

Schon im Jahre 1254 hörte das gemeinsame Leben im Stifte auf, indem sich der Probst von dem Kapitel, der Gesamtheit der Stiftsherren trennte. Nach Aufhebung des gemeinsamen Lebens wohnten die Geistlichen in besonderen Häusern. Die Schüler verließen nach und nach die Schule, und die Gebäude verfielen. Auch der Wohlstand des Stiftes verfiel. 1533 verkaufte das Stift alle seine Güter vor Großschneen für 1200 Goldgulden und zu derselben Zeit auch die Papenmühle, jetzige Burgmühle, an Johann Jost von Hardenberg.

 

Im Jahre 1447 zog der Herzog von Sachsen gegen die Stadt Soest in Westfalen. Als er auf diesem Zuge in die Nähe von Göttingen kam, beklagten sich die Göttinger über die Hardenberger, dass diese sie oft in unangenehmer Weise ihre Stärke fühlen ließen, und baten den Herzog um Hilfe. Ohne Widerstand zu finden, zog der Herzog in Nörten ein und ließ, um die Hardenberger zu schädigen, den Flecken samt dem Stifte bis auf 10 Häuser niederbrennen. Um gegen weitere Überfälle geschützt zu sein, wurde Nörten damals mit einem stärkeren Wall umgeben, zu dessen Errichtung auch die Hardenberger tüchtig halfen. Spuren dieser Umwallung kann man noch jetzt in den Gärten hinter den Häusern sehen.

 

Etwa 40 Jahre später, im Jahre 1486, war der Bischof von Hildesheim mit den Bürgern dieser Stadt in Streit geraten. Die Adeligen und Fürsten verbanden sich mit dem Bischofe. Die Städter hielten zu der Stadt. Die Hardenberger hielten also zu dem Bischof. So kamen denn die Einbecker, Northeimer, Göttinger und belagerten den Hardenberg. Da sie der Burg nichts anhaben konnten, obgleich die Göttinger schon mit Feuerwaffen schossen, schädigten sie Nörten. Dreimal wurde im selbigen Jahre der Flecken ausgeraubt und Teile davon niedergebrannt.

 

In einem Zeitraume von etwa 12 Jahren ist die Umgegend von Nörten nach und nach lutherisch geworden. Am längsten hielten sich die Hardenberger. Doch im Jahre 1584 trat der damalige Schlossherr noch in seinem 79. Lebensjahre über. Die Erbbegräbnisstätte in der Pfarrkirche zu Nörten wurde nun für sie geschlossen. Der Flecken Nörten selbst verblieb als Mainzisches Besitztum wesentlich katholisch, doch die Bewohner der Filialdörfer Elvese, Lütgenrode und Bishausen nahmen in der größeren Mehrzahl an den lutherischen Gottesdiensten der Nachbarschaftsdörfer teil. Für sie und die Bewohner von Nörten, die sich zur lutherischen Lehre hingezogen fühlten, wurde die Klosterkirche in Marienstein Versammlungsort und der Pastor von Parensen ihr Geistlicher.

 

Kurz vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges wurde Nörten durch zwei Unglücksfälle hart betroffen. 1599 brannten 16 Wohnhäuser und 21 Scheunen ab und 1616 abermals 107 Wohnhäuser und 100 Scheunen. Und nun kam de schreckliche Krieg. Mitte April 1626 rückte Herzog Christian von Braunschweig, der „tolle Christian“ genannt, der auf Seite der Evangelischen kämpfte, in Nörten ein, plünderte den Flecken und das Stift und legte wieder den ganzen Ort in Asche. An 200 Wohnhäuser brannten nieder. Die Kirche wurde all ihrer Heiligtümer beraubt und dann ebenfalls in einen Trümmerhaufen verwandelt. Auf beiden Seiten war große Erbitterung. Ein Zeitgenosse, der Stifts-Senior Ernst Kanne, schreibt darüber: „Im Jahre es Herrn 1635, als auf Befehl des römischen Kaisers Ferdinand II. der Graf und General Tilly sein Heerlager nach Hessen und in das Herzogtum Braunschweig verlegt hatte, ließ er seine Kompanie unter dem Grafen Witzleben, zugleich auch einige Fußsoldaten, in unserer Stadt Nörten überwintern. Diese genannten Soldaten kamen am Heiligen Abend im Jahre 1625 an und blieben bis Ostern 1626. Bei ihrem Abzug kamen die angrenzenden Dorfbewohner von allen Seiten in unsere Stadt und plünderten sie acht Tage lang. Nach diesen kam der Herzog Christian von Braunschweig und ließ unsere Stadt und Kirche in Brand stecken. In demselben Jahre gegen Herbst starben die meisten an der Pest. Die Übriggebliebenen waren gezwungen, in der Burg Hardenberg ein elendes Leben zu führen. Unsere Stadt war einige Jahre von Dornen und Gestrüpp so überwachsen, dass nicht Menschen, sondern Hasen, Füchse und andere wilde Tiere hier wohnten. Im Jahre 1636 haben wir angefangen, den Chor und die Kirche zu reparieren.“

 

Gleich nach Einführung der lutherischen Lehre begann in unserem Gebiete der Streit zwischen dem Erzbischof von Mainz und dem Herzog von Braunschweig um die Landeshoheit. Der Erzbischof verlangte wenigstens die Landeshoheit über Nörten und seine Filialdörfer und forderte den Eid der Treue von den Bewohnern dieser Orte. Dasselbe forderte aber auch der Burgherr von Hardenberg als Herzoglicher Standesherr. Schließlich entschied der Erzbischof in friedlicher Gesinnung, die Leute sollten sich einstweilen fügen, bis der Prozess beendigt wäre. Im Friedensschlusse, der dem Dreißigjährigen Kriege folgte, wurde dann das Jahr 1624 als Normaljahr festgesetzt, d. h. es sollte hinsichtlich der geistlichen Güter alles so sein und bleiben, wie es am 1. Januar 1624 gewesen war. Da aber Nörten als katholischer Einzelort inmitten eines evangelischen Gebietes oft in Schwierigkeiten kam, so trat der Erzbischof 1692 seine Landeshoheitsrechte über Nörten und dessen Filialdörfer an den Herzog Ernst August von Braunschweig-Lüneburg, der in demselben Jahre Kurfürst von Hannover wurde, ab.

 

Wie zwischen den Fürsten, so gab es in dieser Zeit auch zwischen den Geistlichen beider Konfessionen durch den so genannten Pfarrzwang öfter Streit um die gegenseitigen Rechtsbefugnisse. Erst nach und nach verschwand dieser Streit und machte friedlichen, geordneten Verhältnissen Platz.

 

Bereits im Jahre 1641 wurde in Nörten der Versuch gemacht, eine lutherische Schule zu errichten. Als dies der Dechant des Stiftes untersagte, beschäftigte man Hauslehrer. So ging es bis 1712*). Da erklärte Ludwig, Herr von Hardenberg, indem der Kurfürst von Hannover die Landeshoheit über Nörten erhalten, habe er auch das Recht erworben, hier evangelische Schulen einrichten zu dürfen. Und dabei blieb es. In der evangelischen Schule werden jetzt die Kinder von drei Lehrern in vier Klassen unterrichtet. Im Jahre 1910 hat die evangelische Schule ein schönes massives Schulgebäude mit Wohnung für den Schulwärter bekommen.
 
Evangelische Schule und Kirche Evangelische Schule und Kirche

Das alte Schulhaus auf dem Stiftsplatz ist als Lehrerdienstwohnung eingerichtet worden. Die katholische Schule ist noch auf dem Stiftsplatze. Sie hat auch zwei Lehrer, die die Schüler in drei Klassen unterrichten.

 

Im Jahre 1815 verordnete das königliche Konsistorium zu Hannover, dass die evangelischen Einwohner Nörtens und des Vorderhauses Hardenberg zu Bühle, diejenigen des Nörtener Vorderhauses Karolina, des Hinterhauses Hardenberg und des Gräflichen Waisenhauses zu Großenrode eingepfarrt sein sollten. Dorthin mussten also auch ihre Kinder zum Konfirmandenunterrichte gehen. So blieb es bis 1868. Da kamen sämtliche Hardenbergische Ortschaften unter die Inspektion Hohnstedt. Zum Besuche des Gottesdienstes wurde nun den evangelischen Bewohnern Nörtens die Kapelle im Waisenhaus angewiesen. Die Pastoren von Bühle und Großenrode mussten da jeden Sonntag abwechselnd predigen und die Sakramente verwalten. Allmählich vermehrte sich aber die Zahl der Evangelischen in Nörten so, dass die Kirchgänger, besonders an den Festtagen, in der kleinen Waisenhauskapelle nicht mehr alle Platz fanden. Sie gingen deshalb nach der größeren Mariensteiner Kirche, wohin die Lütgenroder schon lange gegangen waren, weil sie den weiten Weg nach Großenrode scheuten. Nach dem Lutherjubiläum 1883 regte sich in der Nörtener evangelischen Gemeinde der Wunsch, ein eigenes Gotteshaus und einen eigenen Pastor zu haben. Durch Sammlungen erlangte man so viel Geld, um zunächst den Platz zum Kirchenbaue und Pastorenhaus kaufen zu können. Durch Zuschüsse des Gustav-Adolf-Vereins und des preußischen Kultusministers wurde dann der Bau einer Kirche ermöglicht. 1904 konnte dieselbe eingeweiht werden.

 

Die verwüstete katholische Kirche war in der Zeit von 1636 bis 1651 notdürftig aufgebaut, auch später wiederholt notdürftig ausgebessert worden. Sie blieb aber unvollkommen und wurde baufällig. 1894 wurde sie deshalb vollständig abgetragen und eine neue an ihre Stelle gesetzt. Am 6. Oktober 1895 konnte die gegenwärtige schöne katholische Kirche eingeweiht werden.

 

Das Peterstift, mit dem die Geschicke Nörtens so lange verknüpft waren, besteht nicht mehr. Im Jahre 1809, als Nörten und seine ganze Umgebung zum Königreich Westfalen kamen, wurde es aufgehoben. Die Stiftsgüter, soweit sie nicht zu Kirchen- und Schulzwecken gebraucht wurden, verkaufte man. Die Zinsen des Kapitals werden von der Klosterkammer zur Erhaltung von Kirchen und Schulen verwendet.

 

Als im Jahre 1850 die Cholera in hiesiger Gegend heftig wütete und Nörten ganz davon verschont blieb, ein Zeichen, dass der Ort gesund liegt, errichtete ein katholischer Bürger zum Andenken an diese Tatsache im Leineholze ein Kruzifix. Andere Bürger ließen nachher noch weitere Bildstöcke an den nach dort führenden Weg setzen. So wurde diese Stelle zu einem Wallfahrtsorte mit den 14 Kreuzwegstationen.

 

Die neue Zeit merkt man in Nörten an der großen Zuckerfabrik, eine der größten Deutschlands, die 1873 eröffnet wurde, an der großen Molkerei, die einen weit geachteten Namen hat, und an der Eisenbahn, die seit 1854 hier vorüberfährt. Auf ihrem Bahnhofe ist besonders in der Sommerzeit ein sehr starker Verkehr. Dahin gehören auch ein Postamt 3. Ordnung mit einer öffentlichen Fernsprechstelle und etwa 100 Privatanschlüssen, ferner ein eigenes Elektrizitätswerk mit Anschluss an die Edertalsperre.

 

Noch aus alter Zeit stammend, aber in die Gegenwart hineinragend, ist die Nörtener Bierbrauerei zu erwähnen, deren Bier einen guten Namen hat. Sie ist jetzt im Besitze der Firma Wiederholt. Im Jahre 1670 beklagen sich Bürgermeister und Vorsteher von Nörten beim Gerichte auf dem Hardenberge, dass ihre Bierbrauerei abnehme, weil auf den Dörfern viele Winkelbrauereien errichtet würden. Und als 1699 die Burgherrschaft selber eine Brauerei errichtete, klagten die Nörtener wieder, und der Prozess ging diesmal bis an die Justizkanzlei nach Hannover, wurde aber nicht zu Nörtens Gunsten entschieden, sondern das Urteil lautete: „ Sowohl Kläger als Beklagter können Bier Bronhahn zum feilen Verkauf brauen und die Krüge in den Hardenbergischen Dörfern damit beliefern.“

 

Wo jetzt das neue Hardenbergische Hinterhaus steht, wurde im Jahre 1663 der erste Tabak bei Nörten angebaut. Ein Leineweber namens Jakob Kanne tat es. Wie schnell sich der Anbau einbürgerte, beweist die Tatsache, dass im Jahre 1690 bereits 26 Morgen bepflanzt wurden. Jetzt ist der Tabaksbau durch den zunehmenden Zuckerrübenbau wieder zurückgegangen. Es werden jährlich nur noch etwa 10 Morgen damit bestellt.

 

Wie begehrt in Nörten der Boden ist, beweist die Tatsache, dass schon vor dem Weltkriege 1200 bis 1600 Mark für den Morgen bezahlt wurden. Außer dem Hardenbergischen sind Großgüter in der Nörtener Feldmark nicht vorhanden. Zu einem Bauernhofe gehören 100 Morgen und weniger. Dass aber hier ein starker Gemeindesinn ist, beweist die Tatsache, dass die Realgemeinde Nörten 200 Morgen Gemeindeland und 3500 Morgen Gemeindewald besitzt. Das Gemeindeland ist, soweit es nicht zu Obstplantagen benutzt wird, in kleinen Parzellen verpachtet. Neben den Gemeindeobstplantagen wird auch in den Privatgärten dem Obstbaue Sorgfalt zugewandt, so dass die Nörtener in der Regel gut mit Obst, besonders Äpfeln, versehen sind.

 

Die Bevölkerung Nörtens ist, wie aus allem hervorgeht, sehr gemischt. Sie dient teils der Landwirtschaft, teils dem Handwerke, der Industrie und dem Handel, selbständig und als Unternehmer.

 

Von Handwerksbetrieben seien die beiden Baugeschäfte „ Franz Wenig“ und „ Wilhelm Suthoff“ besonders erwähnt. Ersterer baute die neue katholische, letzterer die neue evangelische Kapelle in Bishausen. Beide stellten sich mit diesen Bauten selber Zeugnisse ihrer Gewerbetüchtigkeit aus. Auf dem Gebiete der Industrie ist die Firma „ Richter & Kleeberger“ in Herstellung von Kleinmöbeln tonangebend. Sie beschäftigt in Nörten und den umliegenden Dörfern viele Heimarbeiter. Von Nörtens Waldreichtum zeugen vier Holzhandlungen, vier Sägewerke, zwei Zimmergeschäfte und mehrere größere Tischlereien. Dazu kommen zwei Mühlen im Dorfe, die beiden Rodemühlen und viele andere handwerksmäßige Betriebe.

 

Bedeutend ist auch Nörtens Handel, da es der Markt, nicht nur für die Bewohner des Fleckens selber, sondern auch für 13 umliegende Ortschaften ist. In erster Linie ist da das Geschäft der „Gebrüder Breitenbach“ zu nennen, das in Fahrrädern, Nähmaschinen, Öfen, Herden u. dgl. m. einen ganzen bedeutenden Umfang hat. Ferner gibt es hier eine große Zahl Manufaktur- und Haushaltungsgeschäfte. Aus diesem Grunde hatte sich vordem auch eine größere Zahl jüdischer Händler hier niedergelassen, was zur Entstehung einer stark antisemitischen Gesinnung in der Geschäftswelt beitrug. Jetzt ist aber nur noch eine jüdische Familie da.

 

Von starkem Gemeindesinn zeugen neben Gemeindegrundbesitze auch die gemeinsamen wirtschaftlichen und sozialen Einrichtungen, wie Konsumverein, Ein- und Verkaufsgenossenschaften, Spar- und Darlehenskasse, die alle drei auch von den Bewohnern der zunächst gelegenen Dörfer benutzt werden, ferner eine Schweineversicherung , eine Freiwillige Feuerwehr und ein Vaterländischer Frauenverein. Das gesellige Leben wird in vier Gesangvereinen, einem Turnverein, einem Sportverein und einem Radfahrerverein gepflegt, ohne andere kleinere Vereine besonders noch zu nennen.

 

Von wohltätigen Stiftungen sei besonders die Whitesche Stiftung, ein Vermächtnis zweier englischer Damen zu nennen, von deren Zinsen eine Haushaltungschule erhalten und Waisenmädchen unterstützt werden. Letzterem Zwecke dient auch das Hardenbergische Waisenhaus neben der Hardenbergischen Hauskapelle.


Quelle: Heimatbuch des Kreises Northeim - 1924

 


*Nach anderer Lesart bis 1771

 

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